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Wenn Sie heute zurückblicken, was war der genaue Moment, in dem Sie realisierten, dass Ihr Leben nie mehr dasselbe sein würde?
Es gibt diesen einen Moment, den man nie wieder vergisst. Nicht, weil er laut ist.
Sondern weil er alles anhält.
Es war ein Montag, der 2. September 2002.
Mein Arzt sagte das Wort Krebs –
und mein Körper reagierte schneller als mein Verstand.
Ich hörte ein hohes Pfeifen.
Meine Hände fingen an zu zittern.
Alles fühlte sich an, als wäre ich unter Wasser. Ich sah die Lippen des Arztes sich bewegen, aber in meinem Kopf kam nur noch bla bla bla an.
Man glaubt immer, man würde schreien oder weinen. Ich tat nichts davon.
Ich war wie eingefroren.
Das wirkliche Begreifen kam erst später. Zu Hause.
In der Stille.
Und vor allem in dem Moment,
als ich mein Kind wieder in den Arm nahm. Mein Sohn war eineinhalb Jahre alt.
Da kam sie – diese nackte, archaische Angst:
Was, wenn ich ihn nicht aufwachsen sehe?
In diesem Moment wusste ich:
Nichts wird je wieder selbstverständlich sein.

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Viele denken, das Überleben von Krebs sei das Ende der Geschichte. Was war für Sie tatsächlich die schwierigste Phase?
Die Zeit danach.
Wenn alle denken, man ist gerettet.
Wenn man funktionieren soll.
Wenn niemand mehr fragt, wie es einem wirklich geht.
Die Akutphase ist brutal – aber sie ist klar.
Man kämpft. Man hält durch.
Danach wird es leise.
Und genau diese Leere ist gefährlich.
Man lebt weiter,
aber innerlich ist man oft noch im Überlebensmodus. Dankbar.
Und gleichzeitig zutiefst erschöpft.
Für mich war das die einsamste Phase. Weil niemand sieht,
wie sehr man innerlich noch kämpft.
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Was missverstehen Menschen – einschließlich Ärzten, Freunden oder Familie – oft am Leben nach dem Krebs?
Dass man nicht „zurückkommt“.
Es gibt kein Zurück zur alten Version von sich selbst. Man wird jemand Neues.
Der Körper fühlt sich anders an. Verletzlicher.
Nicht mehr selbstverständlich.
Viele sagen aus Hilflosigkeit:
„Jetzt ist doch alles vorbei.“
Aber innerlich beginnt da oft erst die eigentliche Arbeit: sich selbst wieder zu vertrauen.

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Wie haben Sie die Zeit zwischen medizinischen Kontrolluntersuchungen emotional und mental erlebt?
Als permanentes Dazwischen.
Zwischen Hoffnung und Angst.
Zwischen Alltag und innerer Alarmbereitschaft.
Man lebt –
aber ein Teil von einem hält immer den Atem an.
Jeder Termin ist Erleichterung.
Und gleichzeitig der Startschuss für neue Angst.
Ich habe gelernt,
mit Unsicherheit zu leben. Nicht, weil ich mutig bin. Sondern weil ich musste.
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Die Angst vor einem Rückfall begleitet viele Überlebende. Wie hat sie sich bei Ihnen persönlich gezeigt?
Die Angst ist mein täglicher Begleiter.
Und sie wurde nicht kleiner – sie wurde größer.
Je länger die Nachsorgeintervalle wurden, desto mehr Raum bekam sie.
Von drei Monaten auf sechs. Von sechs Monaten auf ein Jahr. Von einem Jahr auf zwei.
Irgendwann bin ich in eine Vermeidung gegangen. Ich habe Termine verschoben.
Ich wollte es nicht mehr wissen.
Nach so viel Leid
war die Vorstellung,
dass alles wieder von vorne beginnt, kaum auszuhalten.
Diese Angst begleitet mich bis heute. Seit über 20 Jahren.
Es gibt keinen Tag,
an dem ich nicht daran denke. Nicht einen.
Sie ist leiser geworden.
Aber sie ist da.
Und ich habe gelernt,
ihr nicht mein ganzes Leben zu überlassen.
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Wie haben Ihre Krebserkrankungen Ihre Beziehung zu Ihrem Körper, Ihrer Weiblichkeit und Intimität beeinflusst?
Ich hatte zwei Krebsdiagnosen.
2002 zuerst Vulvakrebs,
2005 dann Gebärmutterhalskrebs. Beide HPV-basiert.
Die erste Diagnose hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Die zweite traf einen Körper,
der Angst bereits kannte.
Besonders der Vulvakrebs
hat mein Verhältnis zu meinem Körper zerstört.
Die Standardbehandlung ist eine Vulvektomie –
die Entfernung der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane.
Als mir das erklärt wurde,
sagte ich zur Ärztin:
„Dann sterbe ich lieber,
als mein Leben lang verstümmelt herumzulaufen.“
Das war kein Drama.
Das war pure Verzweiflung.
Weiblichkeit, Nähe, Intimität –
all das musste ich mir über Jahre neu erarbeiten.
Heute weiß ich:
Weiblichkeit sitzt nicht in einem Körperteil. Aber diesen Weg zu fühlen,
hat mich Jahre gekostet.

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Was bedeutet „auf sich selbst achten“ für Sie heute? Mich ernst nehmen.
Nicht über meine Grenzen gehen, nur um zu funktionieren.
Auf meinen Körper hören,
auch wenn es unbequem ist. Auch wenn niemand applaudiert.
Selbstfürsorge ist für mich kein Wellness. Sie ist Überleben.
Rückblickend – gibt es etwas, von dem Sie wünschten, Sie hätten es früher über Vorsorge oder das Hören auf Ihren Körper gewusst?
Ja. Und es ist komplizierter, als viele denken.
Denn ich war nicht jemand,
der seinen Körper ignoriert hat. Ich war nicht jemand,
der Symptome weggeschoben hat.
Ich bin immer wieder zum Arzt gegangen. Ich habe gesagt, dass etwas nicht stimmt. Dass mein Körper sich falsch anfühlt. Dass ich Schmerzen habe.
Dass ich Angst habe.
Über ein ganzes Jahr hinweg. Alle paar Wochen.
Immer wieder.
Und ich wurde nicht ernst genommen.
Weil ich zu jung war.
Weil „das in dem Alter unwahrscheinlich ist“.
Weil man mir sagte, ich solle mich nicht so reinsteigern.
Zwischen dem ersten Mal,
dass ich mit Beschwerden zum Arzt ging, und meiner Diagnose
verging ein ganzes Jahr.
Ein Jahr voller Zweifel.
Ein Jahr, in dem ich mich selbst infrage gestellt habe. Ein Jahr, in dem ich gelernt habe,
meinem Körper weniger zu glauben als anderen.
Und genau das ist etwas, das ich heute anders sehe.
Ich wünschte, ich hätte früher gewusst, dass man sich selbst glauben darf –
auch dann, wenn niemand anderes es tut.
Dass Vorsorge nicht nur bedeutet, einen Termin zu machen,
sondern auch, dranzubleiben. Nachzufragen.
Nicht leise zu werden,
nur weil jemand anderes abwinkt.
Ich habe gelernt:
Der Körper spricht.
Aber manchmal wird er überhört.
Und dann braucht es Mut, nicht still zu werden.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Selbstachtung.

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Was bedeutet die Idee von Tests für zu Hause für Sie persönlich, besonders nach allem, was Sie durchgemacht haben?
Für mich bedeutet sie ein Stück Kontrolle zurückholen.
Nicht, weil ich glaube,
dass man alles selbst wissen oder lösen kann. Sondern weil ich erlebt habe,
wie ohnmächtig man sich fühlt,
wenn man spürt, dass etwas nicht stimmt – und niemand zuhört.
Tests für zu Hause sind für mich kein Ersatz für Ärzt:innen.
Sie sind kein Urteil.
Und sie sind keine Garantie.
Aber sie sind ein erster Schritt. Ein: Ich nehme mich ernst.
Ein: Ich schaue hin.
Gerade für Menschen,
die Angst vor Arztbesuchen haben.
Oder die schon erlebt haben,
wie es ist, nicht ernst genommen zu werden.
Manchmal braucht es genau diesen Zwischenschritt, um wieder ins Vertrauen zu kommen.
Zu sagen:
Ich tue etwas.
Und manchmal ist das
der wichtigste Anfang überhaupt.
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Sie haben sich entschieden, mit Tests4Cancer zusammenzuarbeiten. Was hat diese Verbindung für Sie anders und bedeutungsvoll gemacht?
Ich habe lange gezögert.
Weil ich sehr genau weiß,
wie sensibel dieses Thema ist.
Ich hätte niemals etwas geteilt, das mit Angst arbeitet.
Oder Druck macht.
Oder vorgibt, Antworten zu haben, die niemand seriös geben kann.
Was mich überzeugt hat,
war der Ansatz der Bewusstheit.
Nicht: Du hast etwas. Sondern: Schau hin.
Nicht: Panik.
Sondern: Aufmerksamkeit.
Für mich geht es nicht um Tests.
Sondern um Haltung.
Um Eigenverantwortung.
Und darum, Menschen nicht kleinzumachen, sondern zu stärken.
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Wenn eine Frau gerade mit Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert wurde und dies liest – was möchten Sie, dass sie weiß?
Dass sie nicht falsch ist. Nicht schwach.
Nicht kaputt.
Dass Angst normal ist.
Dass Wut erlaubt ist.
Dass Verzweiflung dazugehören darf.
Und dass sie nicht sofort stark sein muss.
Du darfst zerbrechen. Du darfst trauern.
Du darfst Zeit brauchen.
Und gleichzeitig darfst du wissen: Dein Leben endet hier nicht.
Es verändert sich.
Und es kann wieder gut werden. Anders.
Aber echt.

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Und was würden Sie zu Menschen sagen, die sich heute gesund fühlen, aber dennoch zögern, wenn es um Vorsorge geht?
Ich verstehe das Zögern. Wirklich.
Niemand möchte sich mit Krankheit beschäftigen, wenn das Leben gerade funktioniert.
Niemand will sich freiwillig
mit der eigenen Verletzlichkeit auseinandersetzen.
Aber ich habe gelernt: Gesundheit ist nichts, das man besitzt.
Sie ist etwas,
das man begleitet.
Vorsorge bedeutet nicht,
ständig Angst zu haben.
Sie bedeutet,
sich selbst wichtig genug zu nehmen, um hinzuschauen.
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Wenn es eine Sache gibt, die Sie hoffen, dass Menschen aus Ihrer Geschichte mitnehmen, was wäre das?
Dass Bewusstheit kein Gegensatz zu Lebensfreude ist. Sondern ihre Voraussetzung.
Dass man stark sein kann und trotzdem vorsichtig. Dass man mutig sein kann und trotzdem hinschaut.
Und dass der eigene Körper kein Gegner ist,
sondern ein Verbündeter.
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Und zum Schluss – was bedeutet „vollständig leben“ für Sie heute?
Vollständig leben bedeutet für mich nicht, keine Angst mehr zu haben.
Es bedeutet,
trotz der Angst da zu sein.
Wach. Verbunden. Ehrlich.
Nicht alles zu kontrollieren.
Aber mich selbst nicht zu verlieren.
Und jeden Tag bewusst zu entscheiden: Ich bin noch hier.
Und das zählt.
Myriam von M ist Krebsüberlebende, Content Creator und setzt sich für offene Gespräche über das Leben nach Krankheit ein.








